Nº 283
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Animierte Plakate

Text: Kim Kaborda

Die Laokoon-Gruppe gilt als antikes Musterbeispiel für die Darstellung von Dynamik im Statischen.

Lessing spricht in diesem Zusammenhang vom „fruchtbaren Augenblick“ und meint damit den Ausschnitt einer Situation, der einen entscheidenden Moment abbildet, der auf den vorherigen und nachfolgenden Verlauf verweist und dem Betrachter so Dynamik suggeriert. Seither haben sich etliche technische Entwicklungen ergeben, die Bewegungen in ihrer gesamten Abfolge realitätsgetreu aufnehmen und wiedergeben können. Die Darstellungsmöglichkeiten dafür sind vielfältig. Zurzeit ist es das bisher meist statisch konzipierte Medium Plakat, welches, vor allem in der Hochschullandschaft und im kulturellen Bereich, bewegt gestaltet wird. Der Unterschied zur reinen Animation ist nicht klar definiert, es lassen sich in der zeitgenössischen Umsetzung bewegter Plakate aber durchaus abgrenzende Aspekte ausmachen. Kriterium bleibt, eine Botschaft im öffentlichen Raum zu übermitteln. Im Kampf um Aufmerksamkeit schneidet das bewegte Plakat vorerst gut ab.



 

Whose Agency

whose.agency

 

 

Im Rahmen des Inform-Preises für konzeptuelles Gestalten entwickelte die sich zwischen Grafikdesign und Kunst bewegende Gestalterin Anja Kaiser eine digitale Werbekampagne, die feministischen Initiativen eine Stimme geben soll. Dazu wurden digitale City-Light-Poster-Flächen der Stadt Leipzig, die üblicherweise der kommerziellen Bewerbung großer Unternehmen dienen, mit von ihr gestalteten Bewegtbildplakaten bespielt, die etwa die Anliegen der vor Ort ansässigen Frauenbibliothek oder der Zeitschrift für feministische Gesellschaftskritik outside-mag.de kommunizierten. Anja Kaiser wählte für die Plakatgestaltung ausschließlich grafische und typografische Elemente, die mitunter vertikal und horizontal ins Bild fahren. Im Kontrast zum herkömmlichen Charakter städtisch zentral platzierter Werbeplakate, forderten ihre Plakate aufgrund ihrer vergleichsweisen Unübersichtlichkeit zur genaueren Auseinandersetzung auf.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Innerschweizer Filmpreis 2019 

erichbrechbuhl.ch

 

 

Für die Kommunikation des Innerschweizer Filmpreises 2019 entwarf der Grafikdesigner Erich Brechbühl ein Plakat, das in gedruckter Form genauso funktionieren sollte, wie bewegt. Der Entwurf wurde über die Umsetzung als herkömmliches Plakat für den Aushang hinaus für digitale City-Light-Poster-Flächen sowie Smartphones optimiert und außerdem als Lentikulardruck umgesetzt. Konzeptuell spielte Brechbühl mit dem je nach Lichteinfall variablen Schattenschlag von schmalen Lettern in der Schriftart des ebenfalls von ihm entwickelten Corporate Designs des Filmpreises und knüpft damit an die Ästhetik von Namenslisten auf Filmplakaten an. Die Informationen heben sich aus einer schwarzen Fläche hervor, bleiben für einen flüchtigen Moment stehen – die gedruckte Version zeigt ausschließlich diesen flüchtigen Moment – und verschwinden durch die Änderung des Lichteinfalls durch eigene Überlagerungen wieder im Schwarzen. Dieses, an physikalischen Gesetzen angelehnte, Prinzip übernimmt die interaktive Smartphone-Version, die sich je nach Bewegungsrichtung der Hand anpasst. Auch der Lentikulardruck erfordert die Bewegung des Betrachters: Im Vorbeigehen entwickelt sich das Bild und verschwindet wieder im Schwarz.

 

 

 

 



 

KD-Lounge

hans-findling.com

christianhohloch.com

marionaegele.de

 

Für die öffentliche, von Studierenden der HTWG Konstanz organisierte Vortragsreihe KD-Lounge im Wintersemester 2018/19 entwarfen Hans Findling, Christian Hohloch und Mario Nägele eine Serie von Plakaten, die jeweils in gedruckter Form – ergänzt durch mittels der Smartphone-App Artvive erfassbare Augmented Reality –, als animiertes Plakat und vertontes Intro entstanden. Dem Anliegen der Vortragsreihe entsprechend, ist das Hauptgestaltungsmittel der Plakatserie eine Art neutraler Raum, der sich durch die dreidimensionale Darstellung weißer Objekte und ihrer Schattenwürfe ergibt. Die Wahl der Objekte hängt mit den Gästen der einzelnen Veranstaltung zusammen und integriert immer eine typografische Informationsebene. Diese wird bei einigen Plakaten kurzzeitig durch sich bewegende Elemente überlagert: Mal ist es ein Kopierer, der ein Blatt auswirft, mal ist es ein sich drehender Bücherstapel. Andere Ausführungen sind wiederum so gestaltet, dass die relevanten Informationen trotz Animation lesbar bleiben.

 

 

 

 

 

 

 

Programming Posters

timrodenbroeker.de

 

 

Ausgehend von seiner Lehrtätigkeit für Generative Gestaltung an der Hochschule Rhein-Waal in Kamp-Lintfort und als Vorbereitung für sein Seminar „Programming Posters“, beschäftigte sich Tim Rodenbröker mit dem Plakat der Zukunft: eine interaktive, sich bewegende, datengetriebene, eventuell sogar hörbare sowie intermediale Oberfläche aus Schrift und Bild. Im Zuge dessen entstanden mehr als 40 generative Design-Systeme, die aufzeigen, welche Möglichkeiten sich aus einer programmierenden Arbeitsweise ergeben. Durch kleine Veränderungen im Code oder den Austausch hinterlegter Dateien lässt sich der Inhalt des Plakats sozusagen auf Knopfdruck anpassen. Farbabstufungen von Blau und Weiß sorgen für Struktur und Dreidimensionalität. Als eine Art explorative Studie angelegt, ergaben sich die Motive vor allem aus dem Experimentieren mit Codes, basierend auf einfachen Datensätzen, wie etwa einer Liste der größten Städte Afrikas. Wir haben Tim Rodenbröker zum Thema interviewt.

 

 

Welchen Mehrwert bieten über Bewegung funktionierende Plakate?

 

Bewegte Plakate binden deutlich mehr Aufmerksamkeit als statische. Zusätzlich lassen sich komplexere Informationen darauf abbilden. Die Möglichkeit der Narration auf der Zeitebene bringt vielfältige neue Gestaltungsspielräume.

 

 

Welche Möglichkeiten eröffnet die generative Gestaltung bei der Konzeption eines bewegten Plakats?

 

Ein digitales Plakat mit Zugriff auf die Daten des Betrachters kann ganz konkret auf diese Person reagieren. Werden Kameras oder Sensoren in das Display integriert, können Bewegungen beziehungsweise Interaktionen als Treiber genutzt werden. Das gilt im besonderen Maße für Plakate im digitalen Raum (AR und VR).

 

 

Inwiefern verändert sich die Rolle des (Plakat-)Gestalters?

 

Der Gestaltungsprozess verlagert sich von der zweidimensionalen Fläche auf ein flexibles visuelles System, das unzählige verschiedene Zustände haben kann. Designer werden sich mehr und mehr zu Kuratoren und Direktoren entwickeln, das Handwerk wird dann ein Algorithmus erledigen. Dies erfordert ein breites technisches Wissen und die  Bereitschaft zur gemeinsamen Konzeption mit Experten auf Augenhöhe.

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The Power of Design

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